Firmenchronik
Betzdorf : 22. August 1999 - Seit nunmehr 50 Jahren werden in Betzdorf unter dem geschützten Zeichen, zwei sich zur Sonne hin streckende Hände, Waren hergestellt, die vor allem in der Industrie abgesetzt werden. Absatzgebiet ist die gesamte Bundesrepublik; so gehören zu diesen Kunden der Blindenwerkstätte Betzdorf u. a. Rexnord, Wolf-Geräte, Ford Werke, Daimler-Chrysler und Blohm & Voss.
Firmen können, wenn sie Blindenwaren beziehen, die Schwerbehinderten-Ausgleichsabgabe sparen, die jährlich 6.000,00 € für jeden unbesetzten Pflichtplatz beträgt. Zu diesem finanziellen Anreiz kommt hinzu, daß Blindenware reine Handarbeit ist, somit gediegener und wesentlich haltbarer. Handarbeit im wahrsten Sinne der Bedeutung des Wortes, denn jeder Handgriff muß ertastet und erfühlt werden. Für die Mitarbeiter der Blindenwerkstätte gibt es nicht Licht und Schatten, um sie herum herrscht ewige Nacht.
Was hier betrieben wird, ist nun allerdings, um es ganz deutlich vorzuheben, kein Geschäft mit den Gebrechen hilfloser Personen. „Wir sind mehr als eine Arbeitsgemeinschaft – wir sind zu einer Familie zusammengewachsen“, sagte während einer Feierstunde zum 50-jährigen Firmenjubiläum Geschäftsführer Jürgen Röser.
Die Blindenwerkstätte ist eine anerkannter Blindenbetrieb und ein gemeinnütziges Unternehmen. Alles Geld, was erwirtschaftet wird, fließt in die Sicherung und Erhaltung der Arbeitsplätze. Rücklagen dürfen nicht angesammelt werden. Gewinne werden nur satzungsgemäß verwendet. Konjunkturschwankungen machen sich deshalb in dem von einem modernen Management geführten Unternehmen besonders auffällig bemerkbar.
Gründer der Blindenwerkstätte Betzdorf ist Heinrich Röser. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft wurde er als Vertreter für die Hagener Blindenwerkstätte auf die Probleme blinder Menschen aufmerksam. Der Versuch, mit 100 Mitgliedern in Siegen direkt nach Kriegsende eine gemeinnützige Blindenwerkstätte aufzubauen, scheiterte, weil sich dort zunächst nur wenig Blinde für das Projekt interessierten; Förderer immer mehr an Interesse verloren. Heinrich Röser ließ sich nicht entmutigen. In Betzdorf, in der Hellerstraße 9, fand er 1949 Räumlichkeiten, die seinen Vorstellungen entsprachen. Unter dem Einsatz seines ganzen privaten Vermögens gründete er die Blindenwerkstätte Betzdorf/Sieg.
Vorangestellt das Motto: „Denk an die Menschen ohne Licht, gib ihnen Arbeit, vergiß sie nicht!“
Wenig Gegenliebe für diese Arbeit des Unternehmertums, fand Heinrich Röser lange Zeit bei den Kommunalbehörden. Eine besondere Freude war es deshalb für ihn, als er für sein Engagement 1982 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet wurde.
Das diese Hilfe durch Selbsthilfe immer noch einen großen Stellenwert besitzt, ergibt die Tatsache, das bereits weitere Arbeitnehmer an der Blindenschule in Neuwied für den Einsatz in der Blindenwerkstätte Betzdorf ausgebildet werden. Gefertigt werden in Betzdorf Handfeger, Besen, Bürsten und Fußmatten. Webwaren werden bei anerkannten Blindenbetrieben aus Köln und Lübeck zugekauft. Zusatzwaren wie Reinigungstextilien oder Besenstiele werden auch geliefert, in den Rechnungen aber gesondert gekennzeichnet und ausgeworfen. 65 Außendienstmitarbeiter vertreten die Blindenwerkstätte Betzdorf nach einem ausgeklügelten System in der Bundesrepublik. Es werden vornehmlich Industriekunden betreut, ein Haustürgeschäft findet nicht statt.
Von vorneherein bemerkt: Wer Handfeger, Besen, Bürsten, Pinsel, Reinigungstextilien oder Arbeitshandschuhe an der Haustüre anbietet und sofort für die Ware Geld verlangt, kann kein Vertreter der Blindenwerkstätte Betzdorf sein.
Die Vertreter der Blindenwerkstätte Betzdorf können sich durch einen Vertriebsausweis ausweisen; sie können Bestellungen entgegennehmen – bezahlt wird aber grundsätzlich erst nach Lieferung des bestellten Sortiments und nach Rechnungserhalt.
Viele unseriöse Machenschaften durch einen von Tür-zu-Tür-Verkauf mit allermöglichsten Waren und geschütztem Blindenwaren-Symbol sind schon geschehen und haben Blindenarbeit in Verruf gebracht. Jürgen Röser verwahrt sich entschieden gegen diesen unlauteren Wettbewerb, und Gott sei Dank, so weiß der engagierte Geschäftsführer der Blindenwerkstätte Betzdorf zu berichten, haben hier auch schon Gerichte ein Einsehen gehabt. Streichhölzer, Postkarten und Blindenseifen stehen nach Natur der Dinge nicht auf dem Fertigungsprogramm und können somit auch nicht vertrieben werden.
1980 übergab Heinrich Röser die Geschäftsführung in jüngere Hände. Seit dieser Zeit leitet Jürgen Röser die Blindenwerkstätte Betzdorf. Aber nicht alle Arbeitnehmer arbeiten in dem Betrieb Hellerstraße 9. Viele Waren werden auch in Heimarbeit gefertigt. Selbst Sehbehinderte in der Vordereifel und in Hessen werden durch die Blindenwerkstätte Betzdorf betreut. Zu allen Mitarbeitern hält Jürgen Röser einen guten, persönlichen Kontakt. Immer wieder unterwirft er sich der Faszination, die vom Lebensmut und der Fröhlichkeit der Blinden und Sehbehinderten ausgeht. Eigens zu diesem Zweck hat er die Fingerkuppensprache ( Lormen ) erlernt, um sich mit einem taubstummen und blinden Brüderpaar unterhalten zu können.
„Ohne Sehende aber“, so sagt der Geschäftsführer der Blindenwerkstätte Betzdorf, „wäre ein derartiger Betrieb gar nicht aufrecht zu erhalten“.
So versorgen Körperbehinderte, aber Sehende die blinden Mitarbeiter mit Arbeitsmaterial oder übernehmen die Verpackungsarbeiten. Einem eingespielten Team obliegen die Büroarbeiten. Die Blindenwerkstätte selbst ist nicht mehr zu vergleichen, mit überkommenen Ansichten muffiger Besenbinderstuben längst vergangener Zeiten. Die Adresse Betzdorf, Hellerstraße 9, ist ganz auf die Lebensumstände der Belegschaft zugeschnitten. Der ehemalige Bühnenbetrieb und Saalbau unterhält im eigentlichen Arbeitsbereich keine überflüssigen Treppen und Stufen mehr. Vor allem auffällig sind die großzügig konzipierten und lichtdurchfüllten Räumlichkeiten, Werkbänke und Maschinen sind so installiert, das blinde wie sehbehinderte Mitarbeiter sich mühelos daran zurechtfinden. Die Arbeitsplätze sind so hergerichtet, das zwischen und neben ihnen soviel Freiraum verbleibt, in dem sich die Nichtsehenden ohne Hilfe anderer Personen bewegen können.
Ohnehin ist der sehende Besucher verblüfft, kommt er in die Werkstatt und spricht mit den blinden Mitarbeitern, wie schnell sich Grenzen verwischen. Er nimmt deren Behinderung überhaupt nicht wahr, so unkompliziert ist das Verhältnis zum sehenden Mitmenschen. Zwar hat er bereits von hervorragendem Tastsinn gehört, aber er verneigt sich mit Hochachtung, wenn er sieht, mit welcher Akribie und Geschwindigkeit hier hochwertige, handwerkliche Arbeit geleistet wird. Die Kunststoff-Borstenbüschel in einem Besen werden derart mit Draht in vorgefertigten Löchern verankert, als ginge es hier um das reine Überleben eines Besens.
Blindenarbeit aus der Blindenwerkstätte Betzdorf ist mit Freude erarbeitete Qualität. Sie darf nicht als arbeitstherapeutisches Produkt abqualifiziert werden.